Predigt zur Osternacht

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Der heutige Predigttext steht im 1. Kor. 15 (12-20):
Der Apostel Paulus schreibt: Wenn aber Christus gepredigt wird,
dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?
Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.
Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.

Liebe Gemeinde,
wir feiern heute das Osterfest. Die Osterkerze brennt. Darin kommt zum Ausdruck: Jesus ist auferstanden!
Jeden Sonntag sprechen wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis, in dem es heißt: „Jesus Christus ist am dritten Tage auferstanden von den Toten.“ Und weiter: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten“.
Das ist auch das Thema des Apostels Paulus in dem Abschnitt seines Briefes an die Korinther, den wir eben gehört haben.
„Die Botschaft hör' ich wohl - allein mir fehlt der Glaube.“ Mit diesem Ausspruch aus Goethes Faust halten es viele Menschen heute, wie Umfragen ergeben haben. Die Auferstehung, so sagen sie, widerspricht aller Erfahrung.
Das ist nun keineswegs etwas, liebe Gemeinde, was erst der moderne Mensch denkt. Den Jüngerinnen und Jüngern Jesu erging es ähnlich. Als Jesus gestorben war, fand sich zunächst jeder damit ab. Die Frauen, die am Ostermorgen zu seinem Grab gehen, wollen ihn nur noch salben und so dem Toten die letzte Ehre erweisen. Als sie mit der Botschaft konfrontiert werden, dass Jesus lebt, erfüllt sie das mit Furcht und Entsetzen. So leicht ist diese Botschaft nicht zu glauben! Oder der ungläubigen Thomas: Erst wenn er seine Finger in die Wundmale Jesu gelegt hat, dann kann er glauben! Dem Tod glaubt man eher als dem Leben! Denn der Tod steht uns nahe, auch wenn wir den Gedanken an ihn oft verdrängen. Wir wissen, dass wir sterben müssen, doch wollen wir möglichst wenig davon hören.
Auch der Apostel Paulus muss sich zu seiner Zeit mit Leuten auseinandersetzen, welche die Auferstehung der Toten leugnen.
Man sah die Auferstehung Christi als ein einmaliges Ereignis in der Vergangenheit an, das aber keine Auswirkung auf den Tod eines jeden Menschen hat. „Mit dem Tod ist alles aus!“ Das war die Überzeugung der Menschen in Korinth. Das ist sie großenteils auch heute. Manche sprechen das offen aus, manche denken es nur im Stillen.
Für Paulus ist es ein Anlass, über die Auferstehung Jesu zu sprechen und über die Hoffnung, die uns Menschen damit gegeben ist. Über das „Wie" der Auferstehung macht er keine genaueren Aussagen. Da ist er sehr zurückhaltend, wie überhaupt das ganze Neue Testament zurückhaltend ist, wenn es um konkrete Aussagen über das geht, was die Menschen nach dem Tod erwartet. Der Vorgang der Auferstehung Jesu wird nicht genau beschrieben. Menschliche Neugier wird hier nicht befriedigt. Das Geheimnis der Auferstehung wird in der Bibel gewahrt.

Interessanterweise ist in der frühen christlichen Kunst kein Bild über den Vorgang der Auferstehung zu finden. Man beschränkt sich auf symbolische Darstellungen. Da die Auferstehung sich jeglicher menschlichen Vorstellung entzieht und ein Geheimnis bleibt, kann man sie auch nicht real beschreiben oder abbilden, sondern immer nur umschreiben, d.h. zum Beispiel mit Hilfe von Symbolen ausdrücken, was gemeint ist.
Ein solches Symbol ist die Sonne oder der Sonnenaufgang (wie heute, beim Osternachtsgottesdienst).
Wahrscheinlich hat schon jeder, liebe Gemeinde, einmal einen beeindruckenden Sonnenaufgang, z. B. im Urlaub, erlebt. So etwas bleibt in der Erinnerung haften. So ein Bild prägt sich ein.

Die Auferstehung und die Sonne - was hat das eine mit dem anderen zu tun? Die Sonne ist Sinnbild von Licht und Wärme, von Glanz und Lebenskraft. Das Christentum hat sich schon früh dieser Symbolik bedient. Christus wird als Sonne bezeichnet. Bereits bei seiner Geburt wird er so besungen in dem Weihnachtslied von Paul Gerhardt:
„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht't, wie schön sind deine Strahlen.“

Auch in der Bibel finden wir viele Stellen, die Christus in Verbindung mit Sonne und Licht bringen. Jesus sagt ja selbst von sich: „Ich bin das Licht der Welt“. Christus ist beides, die Weihnachtssonne und die Ostersonne. Von seiner Geburt heißt es in der Bibel: „Das Licht scheint in der Finsternis“. Bei der Kreuzigung Jesu stellt der Evangelist Lukas fest: „... und es kam eine Finsternis über das ganze Land ... und die Sonne verlor ihren Schein“.  Von den Frauen, die zum Grab gingen, schreibt der Evangelist Markus: „Und sie kamen zum Grab ..., sehr früh, als die Sonne aufging“.
Diese Sonne leuchtet über unsere Welt und überzieht sie mit ihrem Glanz. In solchem Licht kann die Welt erneuert werden. Sie kann sich gleichsam im Lichte Jesu „sonnen".
Dass Christus auferstanden ist, das hat Folgen, liebe Gemeinde, wie Paulus feststellt. Paulus reißt uns mit seinen leidenschaftlichen Worten heraus aus der Düsternis einer Toten-Welt und will uns zu einem Osterglauben helfen, der weiß, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat. Trotz allen Sterbens auf dieser Welt wissen wir, so der Apostel, dass wir von Gott bewahrt und gerettet sind, so wie Christus in seinem schrecklichen Tod nicht von Gott fallen gelassen, sondern von ihm gehalten wurde. Die gute Nachricht von der Auferstehung Jesu ist das Fundament, auf dem ich leben und auf dem ich auch einmal sterben kann. Sie ist der Grund der Hoffnung, die wir auch für unsere Verstorbenen haben dürfen. Sie gibt uns die Zuversicht, dass diese in Gottes Liebe geborgen sind.
Freilich, liebe Gemeinde: Wie die Auferstehung Jesu vor sich ging, das wird von Paulus nicht gesagt. Wichtig ist ihm nur, dass sie geschehen ist. Am Anfang unseres Kapitels spricht er von den Menschen, denen der Auferstandene erschienen ist. Durch diese Begegnungen wurde ihr Leben umgekrempelt. Aus „Angsthasen" wurden furchtlose Menschen, die sich offen zu dem Auferstandenen bekannten. Selbst Paulus wurde durch sein „Ostererlebnis", durch seine Begegnung mit dem Auferstandenen, von einem Christenverfolger zu einem glühenden Bekenner und Boten des Evangeliums. Das Ereignis der Auferstehung Jesu hat immer Menschen in Bewegung gebracht, die ihren Auferstehungs-glauben bezeugt haben.
Es liegt an uns selbst, liebe Gemeinde! Ostern kann es für uns nicht werden, wenn wir uns immer nur Gedanken über das Problem der Auferstehung machen, über ihre Möglichkeit oder Unmöglichkeit. Ostern ist nicht ein Problem meines Denkens.

Auch wenn ich die Auferstehung Jesu nicht verstehe und begreife, sie kann mein Leben grundlegend verändern. Ostern wird es für mich, wenn ich zulasse, dass die Ostersonne auch in mein Leben hineinleuchtet: in alle Nöte, in allen Kummer, in alle Trauer, die mich niederdrücken. Das Licht von Ostern leuchtet für mich, wenn ich die Erfahrung mache, dass von dem auferstandenen Christus Kräfte ausgehen, die mein Leben erneuern.
Ostern ist es geworden, wenn ich mit den Worten von Paul Gerhardt sprechen kann: „Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
 

Predigt zur Einführung der neuen Konfirmanden

Als Predigttext lese ich einen Vers aus dem Römerbrief, wo der Apostel Paulus schreibt: "Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet vielmehr euren Sinn darauf, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite."  (Röm.14,13)

Liebe neue Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Gemeinde,
"Das Leben ist - wie - ein Fußballspiel"
Vor ein paar Tagen war der Anpfiff, nicht für die Fußball-Weltmeisterschaft, sondern für unseren neuen Konfirmandenjahrgang.
Ja, vielleicht kann man die Konfirmandenzeit wirklich mit einem Fußballspiel vergleichen.
Freude soll es euch machen; gerne sollt ihr ins Gemeindehaus und in die Kirche kommen.

Aber zu einem guten und erfolgreichen Spiel gehört eben auch das Training. Training macht und hält fit. Wir möchten euch dahin trainieren, den christlichen Glauben, den Glauben an Jesus Christus und die Kirche näher und besser kennen zu lernen. Dazu werdet ihr verschiedene Hilfsmittel mit auf den Weg bekommen: Gesangbuch, Bibel und Kursbuch.

Liebe neue Konfirmandinnen und Konfirmanden, damit eine Mannschaft erfolgreich ist, braucht sie außerdem einen superguten Teamgeist, "alle für einen, einer für alle." Da hilft keine Mannschaft, die nur aus lauter Einzelkämpfern besteht, wo jeder nur sein Tor machen will.
Interessant ist ja wirklich, dass bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft gerade große Favoriten ausgeschieden sind, sondern eher unbekanntere Mannschaften spielen, wie "Elfenbeinküste" oder "Australien". '
Ich glaube der Teamgeist spielte hier eine besondere Rolle. Wir wünschen unter Euch Konfirmanden einen guten Teamgeist, damit wir keine gelben oder gar roten Karten auspacken und zeigen müssen. Ja, auf den Team-Geist kommt es an, in der Kirche könnte man sagen: auf den Heiligen Geist kommt es an. Das ist ja unsere Botschaft als Kirche. Jesus Christus ist nicht mehr sichtbar unter uns, aber er hat uns seinen guten, den Heiligen Geist hinterlassen.
"Einer für alle, alle für einen", so könnte man auch das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus Christus zusammenfassen.
Er ist für uns gekommen und hat sich uns geschenkt am Kreuz, damit seine Liebe unter uns Schule macht!
"Einer für alle, alle für einen."
Sein Geist gibt uns Kraft jetzt als Team, als Gemeinde, zusammenzustehen, so unterschiedlich wir auch sind.

Keiner soll Schiedsrichter über den anderen sein. Dann sehen wir nicht mehr auf das, was der andere alles falsch macht, sondern schauen, wie wir ihm eine gute Vorlage geben können. Beim Teamgeist habe ich mich länger aufgehalten, weil dieser Gedanke auch heute im Predigttext vorkommt; in Römer 14,13 lesen wir: "Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite."

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,
der Anpfiff, das Training, der Teamgeist, alles hat natürlich nur ein Ziel: Das Tor!! Hier muss der Ball rein. Und dann geht eine Freude los, dann fallen sich Männer um den Hals, dann singen Tausende, dann jubelt ein ganzes Land.
Was Gewinnerfreude ist, das werden wir in diesen Tagen der Weltmeisterschaft erleben, wenn immer eine Mannschaft das Ziel erreicht hat.
Ich glaube, wir können vom Fußballspiel die Freude über das erreichte Ziel lernen. Und unser Wunsch als Kirchengemeinde wäre, dass am Ende der Konfirmandenzeit ein großes Freudenfest steht, die Konfirmation. Doch bei allem Vergleich mit dem Fußball, wie ich ihn jetzt gezogen habe, ist eines ganz anders, denn beim Fußball gibt es am Ende immer auch einen Verlierer.
'
Aber, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, bei Gott gibt es keine Verlierer. Er will, dass jeder Mensch das Ziel erreicht. Und jeder trägt das Zeichen des Sieges schon an sich. Es ist die Taufe. Sie ist der große Grund zur Freude. Wir sind alle Gewinner in Gottes Augen. Wir sind seine geliebten Kinder, so hat es Jesus gesagt.
"Freut euch, dass Eure Namen im Himmel geschrieben sind."

Darum: Mit dem "Anpfiff" hat das Spiel begonnen, für das "Training" werdet ihr alles bekommen und ohne das geht es auch nicht. Was nötig ist, den Teamgeist haben wir uns vorgenommen, und das Ziel steht uns vor Augen: Die Konfirmation, ein Fest der Gewinner, das Fest derer, die ein Ziel vor Augen haben.
Und Ziel, ja vielleicht auch jedes Fußballspiel erinnert uns daran, dass auch unser Leben ein Ziel hat, ja haben muss, wenn es sinnvoll und voll Freude sein soll.

Liebe Gemeinde, für welche Ziele leben wir als Erwachsene, was haben wir unseren Kindern vorgelebt? Nehmen wir diese Frage mit in die kommende Zeit: „Welches Ziel hat mein Leben? Wo wartet die wirkliche Freude auf uns?“
Jesus gibt eine einfach Antwort:
"Freut euch, dass Eure Namen im Himmel geschrieben sind." 
Amen

Reformationstag (Liedpredigt „Ein feste Burg“)
 
Liebe Gemeinde,

die Bibel stellt uns viele Bilder von Gott vor Augen: Hirte, König, Fels, Burg, Arzt, Mutter, Vater – und das ist nur eine kleine Auswahl. Gott ist unsichtbar und ohne Gestalt, aber wir sind angewiesen auf Bilder von ihm. Wir benötigen Bilder, um seine Gegenwart zu entdecken. Durch Bilder lässt sich seine Nähe erspüren.
Es gab allerdings Kreise in der Reformation vor 500 Jahren, die stürmten die Kirchen und zerstörten dort die Bilder. Sie beriefen sich auf das erste Gebot. Dort heißt es: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen!“ Martin Luther freilich dachte, dass die Bilderstürmer zu weit gehen. Das alttestamentliche Bilderverbot hat seinen guten Sinn. Es meint: Man darf Gott nicht auf ein bestimmtes Bild festlegen. Jedes Bild von ihm, ist nur ein schwaches Abbild. Gott ist größer, und auch wenn ich versuche, ihn zu beschreiben, entzieht er sich sofort. Er ist größer und immer weiter, schöner, liebevoller, heiliger, fremder als mein Bild von ihm. Gottes Nähe in Bildern zu suchen ist jedoch nicht verboten, das Alte Testament tut es selbst ja auch. Also dürfen wir das auch, meinte Luther. Und so machte er ein Lied zu einem Bild aus den Psalmen. Gott wird dort oft mit einer Burg verglichen.
Die Burg bedeutet Schutz, Geborgenheit, Stärke. Danach, liebe Gemeinde, sehnen wir uns auch in unseren Tagen.
Da ist die Angst vor Sozialabbau und Verunsicherung über steigende Kosten und Beiträge. Da ist die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Da ist die Angst vor Terroranschlägen. Da ist die Angst vor einer Krankheit. Vor Einsamkeit. Vor persönlichen Schicksalsschlägen. Vor Gewalt und Leistungsdruck in der Schule.
Und es stellt sich für uns alle die Frage: Gibt es etwas, was uns Halt gibt? Etwas, was uns aufrichtet, wenn Not uns getroffen hat? Etwas, was uns tröstet und birgt?

Nach so etwas, liebe Gemeinde, hat sich auch Martin Luther gesehnt. Er war einer, der oft genug am Rande stand. Als junger Mönch versuchte er mit aller Gewalt, in den Himmel zu kommen. Aber, er wurde das Gefühl nicht los: Alles, was er tut, ist vergeblich. Ein unglaublicher Leistungsdruck überfiel ihn. Fast wäre er darüber verzweifelt und innerlich zerbrochen. Er singt davon in seinem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit den Worten:

“Mit unserer Macht ist nichts getan
wir sind gar bald verloren.“

Bei dieser Ansicht angekommen, liebe Gemeinde, hat Luther einen erstaunlichen Blick auf die Mitte geworfen. Er gibt das Suchen nicht auf und es wird ihm ein Erlebnis, sein Turmerlebnis geschenkt. Beim Lesen der Bibel machte er eine Entdeckung: Er findet einen barmherzigen Gott, der nichts von ihm verlangt. Einen Gott, der ihn beschenkt – mit Liebe und inneren Frieden.
Damit begannen die Stürme in seinem Leben aber erst richtig. Denn Luther behielt diese Entdeckung nicht für sich, sondern veröffent-lichte sie am 31. Oktober 1517 in Form von 95 Thesen. Er wurde zum Reichstag nach Worms bestellt. Vor dem Kaiser sollte er seine Thesen widerrufen. Luther stand gegen den mächtigsten Mann der damaligen Welt. Man könnte sich gut vorstellen, dass das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ in diesen Kampftagen entstanden sei. Auf dem Weg zum Reichstag sprach Luther die mutigen Worte: „Und wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollte ich doch hinein“. Ähnlich heißt es im Lied:

“Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.“

Luther nennt all die feindlichen Mächte, die ihn bedrängen, "Teufel". Das mag uns altmodisch vorkommen. Bei Harry Potter heißt das Böse "Lord Voldemort". Er ist hinter dem Stein der Weisen her. Wer diesen Stein besitzt, der bekommt Macht und ewiges Leben. Im "Herrn der Ringe" ist das Böse der "Herr von Mordor". Er will den Ring der Macht, um die ganze Welt zu unterjochen.
Nicht nur in der Welt Luthers, Harry Potters und im "Herrn der Ringe" existiert das Böse. Auch heute gibt es das Böse. Wir mögen es heute anders nennen, liebe Gemeinde. Aber es gibt doch Mächte und Gewalten, die unser Leben bedrohen und zu vernichten drohen. Das Erdbeben z.B. ist eine Natur-Gewalt, die binnen kurzem eine ganze Stadt ausradieren kann. Krieg, Terror und Krankheiten sind tobende Mächte, die Tausende verschlingen...
Das Lied Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist aber nicht auf dem Reichstag in Worms entstanden. Auch nicht danach, als er aus Worms entkam und sich auf der Wartburg versteckt hielt. Sicherlich hat er aber beim Dichten von „Ein feste Burg“ an diesen schützenden Zufluchtsort der Wartburg gedacht. Eine mächtige Burganlage, die auf einem schwer zugänglichen Berg thront. Das Lied ist tatsächlich erst Jahre später entstanden, 1527. Luther schien das schlimmste überstanden zu haben. Die Reformation setzte sich langsam in Deutschland durch. Hinzu kam Familienglück: Er hatte einen Sohn bekommen, Hans.
Da wurde Luther zu Beginn des Jahres 1527 urplötzlich von einer schlimmen Krankheit befallen. Ein heftiger Druck auf dem Herzen löste unheimliche seelische Beklemmungen aus. Er rechnete ganz realistisch mit seinem nahen Tod. Am schlimmsten waren für Luther die schweren Depressionen, in die die Krankheit ihn stürzte. Fast hätte er den Glauben an Jesus verloren. Er wurde umher getrieben von Fluten der Verzweiflung. In diesen Tagen schrieb er:
„Äußerlich sind Kämpfe, innerlich Ängste, und zwar sehr bittere. Christus sucht uns heim. Ein Trost bleibt, den wir dem wütenden Teufel entgegensetzen: dass wir wenigstens das Wort Gottes haben.“
Luther erholt sich wieder. Aber genau da bricht im Sommer 1527 die Pest in Wittenberg aus. Der Kurfürst drängt Luther, mit seiner schwangeren Frau und seinem einjährigen Hans nach Jena über-zusiedeln. Doch Luther weigert sich. Er will in den Tagen des Sterbens bei seiner Gemeinde ausharren. Er stärkt die Angefochtenen und tröstet die Sterbenden. In diesen Tagen treibt ihn die bittere Frage um: „Wieso darf die Macht der Finsternis so unbegrenzt wüten?“
Aber es kommt noch schlimmer. Die Pest dringt auch ins Haus Luthers ein. Mitbewohner erkranken. Zuerst sein Freund Bugenhagen. Dann sein Sohn Hans. Im Lied heißt es:

“Der alt böse Feind
mit Ernst er’s jetzt meint;
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nichts seinsgleichen.“

Doch so urplötzlich wie die Pestseuche gekommen war, endete sie zu Beginn des nächsten Jahres. Luther Hausgenossen genesen wieder von der Krankheit. Sein Frau Käthe bringt ein gesundes Mädchen zur Welt, Elisabeth.
In diesem Schicksalsjahr 1527, liebe Gemeinde, ist das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ also entstanden. Es ist ein "Kampflied", Ausdruck der inneren Anfechtung Luthers. Freilich ist das Lied zunächst und vor allem ein Vertrauenslied. Jenseits seiner Not findet Luther etwas, was ihn stützt. Etwas, was ihm Widerstandkraft verleiht, so dass ihm nichts das Rückgrat brechen kann. Etwas, was ihn aufrichtet, als große Not ihn traf. In der äußersten Bedrängnis findet er Geborgenheit. Woher er die Kraft bekommt? Luther dichtet:
“Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat getroffen.“

Von Gott und von Jesus bekommt er also Trost und Zuversicht. Aus dem Glauben schöpft er Kraft. Aus dem Gebet und dem Lesen der Bibel. Und Kraft bekommt er aus dem Gottesdienst. „Mit unserer Macht ist nichts getan“, dichtet er. Wenn wir aber im Kraftfeld Gottes stehen, kann keine Macht uns etwas anhaben. Selbst tobende Elemente werden von der Kraft Gottes weggefegt. Luther singt darüber:

“Es streit für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.“

Daneben Luther hat noch eine andere Energiequelle. Luther hat kein einsames Lied geschrieben, sondern ein Gemeindelied. Er singt nicht "Ein feste Burg ist mir mein Gott", sondern "Ein feste Burg ist unser Gott". Er weiß sich in eine Gemeinschaft gestellt. In eine Gemeinschaft von Glaubenden, Leidenden, Hoffenden, Liebenden und Betenden. Diese Gemeinschaft trägt ihn. Es ist gut, nicht allein zu stehen, sondern eine Gemeinschaft zu haben, die für mich betet, die mich stärkt. Die mit mir feiert, aber auch mitleidet.
Ich wünsche uns, liebe Gemeinde, dass uns wie Martin Luther immer wieder das Befreiende und Tröstende des christlichen Glaubens aufgeht. Es ist ein radikales Grundvertrauen, das im Blick auf Jesus seine Wurzeln im gnädigen, barmherzigen Gott gefunden hat und sich nichts einbildet auf seine Leistungen, sich aber auch nicht niederdrücken lässt durch Fehlleistungen.
Ob ich gerechtfertigt dastehen werde, das hängt nicht ab vom Urteil meiner Umwelt und der öffentlichen Meinung, hängt nicht ab von einem Papst und erst recht nicht von meiner eigenen Beurteilung. Ob ich gerechtfertigt dastehen werde, das hängt von der ganz anderen Instanz, von Gott selber ab, auf dessen Wohlwollen ich – bis zum Ende und über das Ende hinaus – ein unbedingtes Vertrauen setzen darf. Solche Erkenntnis kann niemand sich anlesen und anstudieren, sondern die muss uns wie Martin Luther in seinem Turmerlebnis geschenkt werden. Bitten können wir darum. Und warum sollte Gott gerade solche Bitte nicht erhören und auch uns einen Turm freimachen in seiner festen Burg!?

Amen.

Ewigkeitssonntag

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,
die heutige Predigt hat zu tun mit dem Lied, das wir gleich auch noch singen werden:

"So nimm denn meine Hände und führe mich / bis an mein selig Ende / und ewiglich. / Ich mag allein nicht gehen, / nicht einen Schritt: / wo du wirst geh´n und stehen, / da nimm mich mit."

Die meisten von uns kennen dies Lied, ich denke, es ist wohl eines der bekanntesten Lieder.
Viele von den etwas Älteren erinnern sich, dass dieses Lied eigentlich bei Trauungen gesungen wurde, bei der eigenen Trauung vielleicht oder einer Trauung in der Familie. "So nimm den meine Hände und führe mich ...", vielleicht hat man so interpretiert, dass das junge Paar sich gegenseitig stützt und führt, obwohl der Text eigentlich anders, ganz anders gemeint ist.
Seit einigen Jahren wird dieses Lied mehr und mehr bei Trauerfeiern gesungen. Ich weiß von vielen, dass sie, wenn wir dieses Lied singen, an eigene Angehörige denken, die wir zu Grabe tragen mussten.
Ich weiß nicht, was eindrücklicher ist an diesem Lied - die Melodie oder der Text des Liedes? Die Melodie ist älter als der Text, ursprünglich gar nicht für diese Strophen geschrieben, doch sicher sehr einprägsam. Eine Melodie, die man nicht so schnell vergisst.
Den Text hat ein Frau geschrieben: Julie von Hausmann. Sie lebte von 1826 -1901. Viel ist über sie nicht zu erfahren; über die Dichter sehr viel unbekannterer Lieder ist oft eine ganze Menge veröffentlicht worden. Wer kennt dagegen schon Julie von Hausmann?
Vor ein paar Jahren habe ich die Entstehungsgeschichte des Lieds "So nimm denn meine Hände ... " gelesen. Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, ob es sich wirklich so abgespielt hat, dennoch möchte ich Ihnen diese Entstehungsgeschichte nicht vorenthalten, weil sie von einem ganz festen Vertrauen auf Gott geprägt ist.

Julie von Hausmann wächst als Tochter eines Lehrers auf. Sehr jung noch lernt sie ihren späteren Ehemann kennen. Sie verliebt sich in den jungen Mann. Er ist Pfarrer. Seine Berufung sieht er darin, Menschen, die noch niemals von Gott und Jesus Christus gehört haben, etwas vom Evangelium, von der Frohen Botschaft von Gottes Liebe zu erzählen. Er will unbedingt als Missionar nach Afrika gehen. Seine Papiere sind schon fertig, der Abreisetermin steht fest, als er Julie von Hausmann kennenlernt. Die beiden verloben sich, dann fährt er in seine Mission nach Afrika. Einige Zeit später hat auch Julie die nötigen Visa und Aufenthalts-bescheinigungen zusammen, um ihrem Verlobten zu folgen. Damals, vor über 140 Jahren, ist das eine lange Schifffahrt, die vor ihr liegt. Es ist ungewöhnlich, dass sie alleine fährt, ohne Begleitung. Afrika ist noch wenig erforscht, für Julies Umwelt und auch für sie selber muss es eine Fahrt ins Ungewisse sein. Nur ein fester Zielpunkt, den sie hat: das ist ihr Verlobter, der sie in Afrika erwartet. Nach mehrwöchiger Reise, nach vielen Strapazen läuft das Schiff seinen Zielhafen an. Doch der Verlobte steht nicht wie erwartet am Kai.
Julie von Hausmann fragt sich durch, nimmt Träger und Führer in Dienst, die sie zur Mission bringen sollen, wirklich kein leichtes Unterfangen für eine Frau. Und dann endlich ist sie da, die Mission ist erreicht. Sie fragt nach ihrem Verlobten und erntet nur trauriges Kopfschütteln. Endlich nimmt sich jemand ihrer an, führt sie etwas abseits zum Friedhof der Mission. Dort hatte man drei Tage vor ihrer Ankunft den Verlobten beerdigt.
Er war an einer Seuche gestorben. Noch am gleichen Abend - so wird erzählt - setzt sich Julie von Hausmann hin und dichtet dies Lied:
"So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich ... Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: Wo du wirst geh´n und steh´n, da nimm mich mit."
Das ist ihre Antwort auf den Tod, das ist ihre Antwort auf den Verlust des liebsten Menschen, mit dem sie eine Familie gründen wollte, dem sie hierher in die Mission gefolgt war, an dessen Grab sie stand. Ihre Frage: In wessen Hände lege ich jetzt mein Schicksal? Ihre Antwort: Allein in Gottes Hände. Er wird mich nicht verlassen. Er wird mich führen. Jetzt und ewiglich.
Als ich, liebe Gemeinde, diese Entstehungsgeschichte des Liedes las, da ging mir die Frage durch den Kopf: Wie kann ein Mensch nur so vertrauensvoll sein? Die Frau hat doch als verloren, was ihr wert und teuer war: den geliebten Verlobten, die Familie, die sie mit ihm geplant hatte, ja auch die neue Heimat. Die Frau steht - nach all der Hoffnung - auf einmal vor dem Scherbenhaufen dessen, was ihre Zukunft werden sollte! Und dann spricht und dichtet sie so vertrauensvolle Verse! Ich denke, wir hätten eher erwartet, dass sie nun hadert, dass sie schreit, dass sie weinend zusammenbricht! Aber keine Silbe davon. Nur dies: "... so nimm denn meine Hände und führe mich." Wieviel Vertrauen zu Gott spricht aus solchen Sätzen, wieviel Hoffnung und auch Zuversicht.

Und ich denke daran, wie oft wir dies Lied gesungen haben, in Stunden des Abschieds von Menschen. Gesungen haben wir die Worte. Gesungen haben wir, indem wir die Lippen bewegten. Den Text kannten wir ja auswendig. Aber berührt hat der Text uns vielleicht nicht wirklich. Ich meine, er stimmte uns traurig, aber nicht hoffnungsvoll. Aber genau das hat Julie von Hausmann ja doch gewollt, dass uns dies Lied Hoffnung und Zuversicht gibt.
Als sie dies Lied mit über 100 anderen Liedern zusammen einem Verlag zur Veröffentlichung zuschickt, da schreibt sie im Begleitschreiben: "Sollte auch nur ein Herz durch diese schwachen, unvollkommenen Lieder erfreut werden, so wäre es ja eine Gnade, deren ich nimmer wert bin, für die ich immer wieder singen und loben wollte mein Leben lang." Dieser Wunsch ist ihr in Erfüllung gegangen.

"In dein Erbarmen hülle / mein schwaches Herz, / und mach es gänzlich stille / in Freud und Schmerz. / Lass ruh´n zu deinen Füßen / dein armes Kind: es will die Augen schließen / und glauben blind."

"Es ist ein schreckliches Lied", sagte mir ein Bekannter; und auf meine Frage, warum er das so sage, da meinte er: "Du kannst dich dem Lied nicht entziehen. Früher hatte man dafür den Ausdruck: es ist ergreifend. Das Lied, die Melodie und der Text ergreifen dich und ziehen dich in seinen Bann, ob du willst oder nicht." - "Ich finde das aber nicht schrecklich, sondern gut und richtig", meinte ich darauf. "Es ist doch wichtig, von einer guten Sache, einem Lied, einer Melodie in den Bann gezogen zu werden."
"In dein Erbarmen hülle/  mein schwaches Herz ..." - vielleicht, liebe Gemeinde, täte es uns rationalen und scheinbar so vernünftigen Menschen des 21. Jahrhunderts gut, wenn wir so vertrauensvoll wie Julie von Hausmann singen, ja beten könnten. Denn das sind sie ja eigentlich: Gebetsverse, in denen die Beterin fast wie ein Kind Gott bittet: ´Ich bin nur ein schwacher Mensch, ich habe nur ein schwaches Herz, lass mich doch die Freude und auch den Schmerz in meinem Leben richtig verstehen. Lass mich wie ein Kind, das sich in riesengroßer Angst zu seiner Mutter geflüchtet hat und das sich von der Mutter auf deren Schoß trösten lässt, lass mich so zu deinen Füßen ruhen.´

"Wenn ich auch gleich nichts fühle / von deiner Macht, / du führst mich doch zum Ziele / auch durch die Nacht: / So nimm denn meine Hände / und führe mich / bis an mein selig Ende / und ewiglich!"

Wie ein Licht ist es wirklich: das Vertrauen das uns allzuoft fehlt. Haben Sie, liebe Gemeinde, schon einmal ein kleines Kind beobachtet, das hingefallen ist, das sich weh getan hat? Es weint, die Mutter oder der Vater nimmt das Kind auf den Arm, das Kind weint weiter, aber es legt vertrauensvoll die Arme um Mutter oder Vater, denn es spürt: ´Da bin ich geborgen. Wenn mir einer hilft, dann Vater oder Mutter!´
Je älter das Kind dann wird, desto mehr nimmt das Vertrauen ab. Da versuchst du dann alles alleine zu machen. Ob das immer richtig ist? "... so nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein seliges Ende und ewiglich."
Ich wünsche uns allen, liebe Gemeinde, dass wir ein solches Vertrauen aufbringen können. Und ich wünsche uns, dass wir, so wie Julie von Hausmann, die Kraft Gottes spüren. Eines Gottes, von dem ich ganz gewiss weiß, dass er uns niemals, niemals alleine lässt. Dass er uns Menschen führen und leiten will - bis an unser selig Ende und ewiglich.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen


Lied 376, 1-3