Liebe Leserin, lieber Leser,

an Ostern feiern wir das Fest des Lebens. Dazu gehören für mich die guten alten Choräle und neue mitreißende Osterlieder. Zu Ostern gehören für mich die Klänge der Trompeten und Chöre, wie in der h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Wenn der Chor, von den Trompeten angetrieben, sich zum "Resurrexit – Er ist auferstanden" aufschwingt, dann packt mich die Osterfreude: "Christus ist auferstanden!" Der Tod ist besiegt.

Etwa eintausend Jahre vor dem ersten Osterfest singt Hannah ihr „Osterlied“:

„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan, denn ich freue mich deines Heils. Der Herr macht lebendig, er führt hinab zu den Toten und wieder herauf. (Aus 1. Samuel 2)

"Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn." Hannah hat allen Grund zur Freude. Vorbei die Zeiten der Demütigung. Vorbei die Zeiten der Selbstzweifel und die Zeiten der quälenden Frage: "Warum nur erhört Gott meine Gebete nicht?" Hinter Hannah liegt ein langer Leidensweg. Als unfruchtbare Frau fühlt sie sich minderwertig. Trotz aller Not gibt Hannah die Hoffnung nicht auf. Dann die lang ersehnte Wende. Samuel, ihr erster Sohn, wird geboren. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Voll Freude stimmt sie ihren Lobpreis an.

Mit Hannahs "Osterlied" beginnt eine lange Reihe der Hoffungslieder. Aus der Tiefe ruft der Beter des 130. Psalms: "Herr höre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens." Die schwangere Maria rühmt im Magnifikat die großen Taten Gottes: "Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes." Mitten im dreißigjährigen Krieg singen Christen: "Weicht, ihr Trauergeister". Dreihundert Jahre später geben die schwarzen Sklaven in Amerika die Hoffnung nicht auf: "We shall overcome". Inbrünstig singen sie davon, dass Schwarze und Weiße einmal Hand in Hand gehen werden. Vor fünfundzwanzig Jahren beteten und sangen in Leipzig Christen und Konfessionslose vor den Montagsdemonstrationen. Ihre Gebete haben die friedliche Revolution vorbereitet. Am Ostersonntag feiern bedrängte Christen im Irak und in Ägypten die Osterliturgie. Sie singen vom Sieg des Lebens über den Tod, trotz aller Bedrängnisse und Gefahren.

"Bei uns Christen ist alle Tage Ostern. Nur dass man einmal im Jahr Ostern besonders feiert", so Martin Luther. Jeden Tag Ostern feiern: Ein merkwürdiger Gedanke. Es muss dabei nicht gleich um historische Ereignisse oder großartige Dinge gehen. Jeden Tag den auferstandenen Christus vor Augen haben. Jeden Tag neu Gott vertrauen. Jeden Tag neu sich für die Gegenwart Christi öffnen, in der Stille, im Gebet, im Betrachten der Worte Jesu.

Mitten im Alltag neu das Leben spüren und so eine "kleine Auferstehung" feiern: Bei einem festlichen Essen, bei einem vertrauensvollen Gespräch, beim Betrachten der blühenden Zweige im Garten. Neu das Leben spüren durch anerkennende Worte, durch den ersten Schritt zur Versöhnung nach einem Streit. Neuen Mut fassen nach einer Niederlage. Aufstehen gegen das schleichende Gift der Gleichgültigkeit. Widerstehen, wenn Schwächere ausgegrenzt werden. Wehren, wenn Unrecht geschieht. Für den Glauben und die eigenen Überzeugungen eintreten.

Mit ihrem Lied ermutigt uns Hannah, nicht nachzulassen im Gebet. Sie ermutigt uns aufzustehen mitten am Tag. Neues Leben ist möglich. Bisher ungelebtes Leben kann heute beginnen.

Mit guten Wünschen für die Frühlings- und Osterzeit,

Ihr

Pfr. B. Sondermann