Predigt am Erntedanksonntag 2017

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

Als Predigttext hören wir Luthers Auslegung des ersten Glaubensartikels im Kleinen Katechismus:  von der Schöpfung


Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Was ist das?

Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält;

dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kinder, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt,
in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.

 

Liebe Gemeinde,

um eine wesentliche Wahrheit unseres Glaubens, aus der wir Sinn und Kraft schöpfen können, geht es am Erntedankfest, um das Danken. Was das ganze Jahr über gilt – heute machen wir es uns besonders bewusst, und die Gaben auf dem Altar sind ein Symbol dafür. Wir sagen: „Gott sei Dank. Du schenkst uns alles, was wir zum Leben brauchen, und das ist nicht selbstverständlich.

Martin Luther hat es in seiner Auslegung zum 1. Glaubensartikel klassisch ausgedrückt, und die alten Worte haben ihre Bedeutung bis heute nicht verloren:

·        Kleider und Schuh. Was haben wir nicht alles Schönes, um uns zu bekleiden? Vor fünfzig Jahren war das bei uns noch nicht so. Da bekam mancher keinen neuen Konfirmationsanzug, sondern den gebrauchten von einem Nachbarsjungen.

·        Essen und Trinken – wie armselig steht es damit in vielen Ländern? Und bei uns wird Essen weggeworfen…!

·        Haus und Hof – Da leben in Indien zehn Menschen in einem Raum, der so groß ist wie bei uns eine Garage; von Toilette und Bad können sie nur träumen…

·        Weib und Kind: Es gibt Menschen, die uns helfen, die uns Liebe und Geborgenheit schenken, für die wir da sein dürfen, dass wir nicht einsam oder merkwürdig werden: Partner, Kinder und Freunde …

·        Acker, Vieh und alle Güter. Das würden wir in unserer nachindustriellen Gesellschaft sicher anders ausdrücken, als Martin Luther es im Jahr 1529 tat. Aber wir haben unser Auskommen, niemand muss hungern: Gott sei Dank!

Wieso Gott sei Dank?

Da haben doch Menschen gearbeitet: Bauern, Gärtner, Handwerker, Arbeiter, und alle die, die das Wissen weitergeben und die forschen! Was ist das allein für ein langer Prozess und wer arbeitet da alles mit, bis ein Brot auf dem Tisch liegt… Völlig richtig – und doch: Ohne Gottes Segen brächte das alles nichts.

Und er hat uns den Leib, unsere Sinne, unseren Verstand, die guten Ideen und die Schaffenskraft geschenkt; er, der – nach Luther - „mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.“

Wir müssen natürlich selber etwas tun für unseren Leib, für unsere Gesundheit, und wir müssen arbeiten und uns plagen – doch zugleich sind wir einfach beschenkt. Bei der Geburt eines Kindes kann einem das ganz elementar deutlich werden:

Wir bekommen die Kinder, es sind unsere Kinder – und wenn sie auf die Welt kommen, dann merken wir: Zugleich sind sie ein ganz großes Geschenk, das alles andere als selbstverständlich ist - Gott sei Dank!

Auf alle Gebiete des Lebens kann und muss man das übertragen, auf die Gesundheit, auf den Wohlstand, den gesunden Menschenverstand, auf Forschung und Lehre.

Damit wir, liebe Gemeinde, das nicht vergessen, ist so ein Tag wie das Erntedankfest wichtig. Denn - manchmal sind wir ja ganz schön vergesslich. Und wenn wir vergessen, was Gott uns Gutes getan hat, dann sind wir auch schnell unzufrieden und undankbar. Oft fällt es einem Menschen ja erst in einer Notlage wieder ein, dass es da noch einen anderen gibt, dem wir alles verdanken. Sie kennen vielleicht die Anekdote, die das verdeutlicht:      Da kommt jemand in die Buchhandlung und sagt: „Ich hätte gern ein Buch für einen Kranken.“ „Etwas Religiöses?“, fragt die Verkäuferin.
„Nein, danke, es geht ihm schon wieder besser.“

         Nach diesem Motto: Not lehrt beten, wollen wir es nicht machen. Nein, jeden Tag machen wir es uns bewusst, dass er uns das Leben geschenkt hat und uns noch erhält. Tag für Tag sorgt er für uns. Und wie oft hat er uns nicht bewahrt in Gefahren und vor dem Bösen behütet? Gott sei Dank!

Und warum? „Und“, so Luthers Auslegung, „das alles aus lauter väterlicher Güte und Barmherzigkeit.“ Aus Liebe, einfach so, und verschwenderisch, wie die Liebe verschwenderisch ist. Weil er uns liebt und mit uns zusammen sein will. Nicht weil wir so erfolgreich, so fromm, so hübsch, so gescheit oder sonst was sind. Das hat etwas sehr Befreiendes:

Ich bin nicht der Schöpfer meines Lebens, ich muss mich nicht selbst erschaffen, muss nicht ständig originell, witzig, toll sein. Ich muss nicht angeben, muss kein Übermensch sein. Ich kann einfach dankbar und zufrieden leben – Gott sei Dank!

Ja, liebe Gemeinde, wir danken ihm mit unserem Leben, mit unserer Liebe, und wir geben das Gute weiter. Wir danken ihm dadurch, dass wir ihn loben – wie heute. Und dadurch, dass wir verantwortlich mit seiner Schöpfung umgehen. Wir denken daran, dass wir nicht die einzigen Geschöpfe sind, sondern dass er uns geschaffen hat „samt allen Kreaturen“; dass wir eine Mitwelt haben, die wir nicht ungestraft schädigen und ausbeuten. Und dass wir hilfsbereit und gut zu unseren Mitmenschen sind und versuchen, glaubwürdig zu sein.

Vielleicht steht bei manchen von uns noch eine Frage unausgesprochen im Raum - die Frage: Und wie ist das mit dem Schweren in meinem Leben und in der Welt? Mit den unerfüllten Wünschen, den scheinbar unerhörten Gebeten? Kann einem da nicht manchmal das Danken vergehen? Wie gehe ich damit um?

Es gibt dieses Schwere, das uns ins Fragen und Zweifeln bringen kann, und das ist manchmal hart. Ich sehe für uns als Christen eine Möglichkeit, damit umzugehen. Wenn ich in eine schwere Lebenssituation komme, in der mir nicht nach Danken zu Mute ist, dann kann ich Gott bitten um Stärke, um Durchhaltekraft.

Und das erbitte ich nicht nur für mich, sondern auch für andere, von denen ich weiß, dass sie sich in einer schweren Lebenslage befinden. Wir schöpfen aus dem Strom des Glaubens: Einsichten, Erfahrungen, Kraft, Geduld und Weisheit, und noch vieles mehr.

Heute am Erntedankfest schöpfen wir besonders die Erkenntnis des Glaubens, dass wir alles, was wir sind und haben, unserem guten Gott verdanken. Darum können wir wieder neu einstimmen in das Bekenntnis unserer Väter und Mütter im Glauben, wie Martin Luther: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, … mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit: für all das ich ihm danke und lobe. Das ist gewisslich wahr.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen